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Alkoholfreies Bier bei Diabetes?

Alkoholfrei ist nicht gleich alkoholfrei: Warum manche Biere dreimal so viele Kohlenhydrate enthalten wie andere, was das bei Diabetes bedeutet – und warum sich beim Bier der Blick auf die Nährwerttabelle lohnt.

Dr. Dr. Marc Weidenbusch

9/4/20264 min lesen

Im ersten Teil unserer kleinen Biergarten-Serie ging es um Bier bei Hitze – und darum, warum ein Radler mit Zero-Limo manchmal eine ziemlich clevere Idee sein kann.

Diesmal geht es um eine andere Frage:

Ist alkoholfreies Bier bei Diabetes automatisch die bessere Wahl?

Was den Alkohol angeht: natürlich.

Was die Kohlenhydrate angeht: überhaupt nicht.

Ein schönes Beispiel:

Jever Fun: 12,5 g Kohlenhydrate pro 0,5 l
Jever Fun 0,0: 37 g Kohlenhydrate pro 0,5 l

Fast das Dreifache – obwohl auf der zweiten Flasche sogar 0,0 % Alkohol steht. Jever gibt aktuell 2,5 gegenüber 7,4 g Kohlenhydraten pro 100 ml an.

Wie kann das sein?

Der Braumeister macht den Unterschied

Sehr vereinfacht funktioniert Bierbrauen so:

Malz → Zucker → Hefe → Alkohol

Die Hefe vergärt Zucker zu Alkohol. Will man alkoholfreies Bier herstellen, gibt es grundsätzlich zwei Wege:

Gärung begrenzen: Es entsteht wenig Alkohol – dafür können mehr Kohlenhydrate übrig bleiben.

Erst vergären, dann entalkoholisieren: Die Hefe darf zunächst Zucker abbauen; anschließend wird der entstandene Alkohol wieder entfernt.

Auch der Deutsche Brauer-Bund beschreibt diese beiden grundsätzlichen Herstellungswege.

Beim klassischen Jever Fun lässt sich das besonders schön nachvollziehen: Laut Brauerei wird die Gärung vollständig durchgeführt und der Alkohol erst anschließend schonend entfernt.

Aber Vorsicht: Daraus wird keine allgemeine Regel à la „entalkoholisiert hui, gestoppte Gärung pfui“. Rezeptur und Brauverfahren unterscheiden sich.

Deshalb gilt gerade bei Diabetes:

Nicht das Brauverfahren kaufen. Die Nährwerttabelle lesen.

Der alkoholfreie Biervergleich

Die Hersteller geben ihre Nährwerte pro 100 ml an. Weil eine Bestellung von „einmal 100 ml Bier bitte“ im Biergarten eher irritierte Blicke hervorrufen dürfte, haben wir zusätzlich auf eine Halbe hochgerechnet:

Die Unterschiede sind also beträchtlich. Die Werte von Augustiner, Erdinger, Clausthaler, Paulaner und Jever stammen aus den jeweiligen Herstellerangaben.

*Die detaillierten Weihenstephaner-Werte stammen aus einer älteren Veröffentlichung der Brauerei. Interessant ist dort auch das Verfahren: Weihenstephan beschreibt eine nahezu vollständige Vergärung und anschließende Entalkoholisierung mittels Vakuum-Fallstromverdampfung.

Die Angaben zum Zehmerbräu Helles alkoholfrei stammen direkt vom aktuellen Flaschenetikett: 2,5 g KH und 1,4 g Zucker pro 100 ml.

Damit liegt unser Kirchheimer Alkoholfreies bei den Gesamtkohlenhydraten am unteren Ende dieser kleinen Stichprobe.

Heimvorteil also nicht nur beim Geschmack.

Bei Diabetes: „Kohlenhydrate“ oder „davon Zucker“?

Das ist wahrscheinlich die wichtigste praktische Botschaft.

Auf dem Etikett stehen:

Kohlenhydrate
und darunter
davon Zucker

Für die Kohlenhydratberechnung bei Diabetes sollte man nicht einfach nur auf „davon Zucker“ schauen.

Jever Fun ist dafür ein schönes Beispiel: weniger als 0,5 g Zucker, aber 2,5 g Kohlenhydrate pro 100 ml.

Die einfache Einkaufshilfe lautet deshalb:

Auf „Kohlenhydrate“ schauen – und für eine Halbe × 5 rechnen.

5 g KH/100 ml klingen nach wenig.

In einer Halben sind es 25 g Kohlenhydrate.

Ist normales Bier dann besser?

Jetzt wird es kurios.

Eine Halbe Augustiner Lagerbier Hell enthält etwa 10,5 g Kohlenhydrate.

Eine Halbe Augustiner Alkoholfrei Hell dagegen 22,5 g.

Das normale Helle enthält also tatsächlich weniger als halb so viele Kohlenhydrate. Dafür enthält es 5,2 Vol.-% Alkohol und liefert rund 190 statt 115 kcal pro Halbe.

Also normales Bier bei Diabetes?

Nein – so einfach ist es nicht.

Alkohol bringt ein anderes Problem mit: Er kann die Glukosebereitstellung der Leber beeinträchtigen und dadurch Hypoglykämien bzw. verzögerte Hypoglykämien begünstigen. Besonders relevant ist das bei Menschen, die Insulin oder insulinfreisetzende Medikamente wie Sulfonylharnstoffe verwenden. Die aktuellen Standards of Care der American Diabetes Association weisen ausdrücklich auf dieses Risiko hin.

Bei alkoholhaltigem Bier können also zwei Dinge gleichzeitig passieren:

Die Kohlenhydrate können den Blutzucker zunächst erhöhen.
Der Alkohol kann später eine Unterzuckerung begünstigen.

Gerade bei Insulintherapie deshalb bitte nicht einfach die Kohlenhydrate des Bieres zählen und daraus schematisch eine Insulindosis ableiten. Das gehört zur individuellen Diabetesschulung.

Und merkt der Blutzucker den Unterschied zwischen alkoholfreien Bieren?

Offenbar kann er das.

Eine kleine randomisierte Crossover-Untersuchung verglich alkoholfreie Biere mit unterschiedlicher Kohlenhydratzusammensetzung. Die Varianten mit modifizierter Kohlenhydratzusammensetzung führten zu niedrigeren postprandialen Glukose- und Insulinanstiegen als das konventionelle alkoholfreie Vergleichsbier.

Das war eine kleine Studie an gesunden Probanden und kein Markenvergleich für Menschen mit Diabetes.

Sie zeigt aber schön:

Alkoholfreies Bier ist auch metabolisch nicht gleich alkoholfreies Bier.

Und der Zero-Radler aus Teil 1?

Jetzt versteht man auch unseren Tipp aus dem ersten Beitrag.

250 ml alkoholfreies Bier mit 2,5 g KH/100 ml plus 250 ml praktisch kohlenhydratfreie Zero-Limo ergeben ungefähr:

6,25 g Kohlenhydrate pro Halbe.

Zum Vergleich enthält fertiges Jever Fun Zitrone 6,5 g KH pro 100 ml – also 32,5 g pro Halbe. Die verwendete Zitronenlimonade enthält laut Zutatenliste unter anderem Zucker.

Geschmacklich natürlich nicht dasselbe.

Stoffwechseltechnisch aber ein ziemlich deutlicher Unterschied.

Was muss ich mir merken?

Eigentlich nur drei Dinge:

1. 0,0 % Alkohol bedeutet nicht 0,0 % Kohlenhydrate.

2. Bei Diabetes auf „Kohlenhydrate“ schauen – nicht nur auf „davon Zucker“.

3. Weniger Kohlenhydrate machen alkoholhaltiges Bier nicht automatisch zur besseren Wahl.

Und damit wäre auch geklärt, warum der Braumeister manchmal ein Achtel Diabetologe ist.

Noch mehr zum Thema Bier?

Das Zehmerbräu plant für November einen besonderen Mittwochabend:

BIER³

Geschichte · Handwerk · Medizin

Zu einem Drei-Gänge-Menü mit Bierbegleitung gibt es begleitende Vorträge über Biergeschichte, Brauhandwerk und die medizinische Seite des Bieres.

Geplant ist derzeit Mittwoch, der 18. oder 25. November 2026. Für den Abend wird es Tickets im Vorverkauf geben; den endgültigen Termin und weitere Informationen veröffentlicht das Zehmerbräu noch.

Wer wohl den medizinischen Teil übernimmt, ist bislang nicht bekannt. 😉

Produktrezepturen und Nährwerte können sich ändern; im Zweifel gilt immer das aktuelle Etikett. Dieser Beitrag dient der allgemeinen gesundheitlichen Information und ersetzt insbesondere bei insulinpflichtigem Diabetes keine individuelle Therapieempfehlung.

Quellen & Weiterlesen

Hersteller und Brauverfahren

Jever Fun – Nährwerte & Herstellungsverfahren
Jever Fun 0,0 – Nährwerte
Jever Fun Zitrone – Nährwerte & Zutaten
Augustiner – Lagerbier Hell & Alkoholfrei Hell
Erdinger Alkoholfrei – Nährwerte
Paulaner Hefe-Weißbier Alkoholfrei – Nährwerte
Clausthaler Original – Nährwerte
Weihenstephaner – Entalkoholisierung & veröffentlichte Nährwerte
Deutscher Brauer-Bund – Herstellung alkoholfreier Biere

Medizin & Wissenschaft

Lamiquiz-Moneo et al., Nutrients 2022 – Alcohol-Free Beers and Postprandial Metabolic Response
American Diabetes Association – Standards of Care in Diabetes 2026: Alkohol und Diabetes

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